Zeiten des Glücks

Verliebtheit kennt keine Moral

Jetzt war es geschehen, er hatte sich verliebt, schon mit 16 Jahren. Dass er sich lange zuvor nach einer Freundin gesehnt hatte, war eigentlich klar. Schon mit elf Jahren sah er sich die Fenster der Goldschmiede an, suchend nach dem passenden Ring. Nun könnte sein Wunsch erfüllt werden. Die Verliebtheit wurde erwidert. Lange Spaziergänge, immer näheres zusammen Sein. Regungen, die überraschten, aber nicht in ein Dilemma führten, noch nicht. Die Verbindung wurde enger, nicht nur in der Natur, sondern auch zu Hause sahen Sie sich immer öfter. Wie sollten sie sich verhalten, bei der Moral, die ihnen eingepflanzt worden war: erst in der Ehe!

Die Grenzen des Erlaubten verschoben sich, streicheln ist noch nicht verboten, berühren der Körper auch nicht, es ist so schön sich gegenseitig zu spüren, warum sollte das schlecht sein, sie liebten sich doch. Das Dilemma mit der Moral wurde immer grösser, in der ganzen Verwandtschaft, ja selbst bei Bekannten, spürten sie Widerstand oder bildeten sie sich das ein?

Das alles spielte eines Tages keine Rolle mehr, die Gefühle oder Triebe waren schlicht stärker als die Moral. Und es waren Zeiten des Glücks. Zeiten der Verschmelzung, des Eins seins, der Ekstase. Einsamkeit überwunden, Moral überwunden?

Mit der Leiter in die Zukunft

Eines Tages oder eher nachts war die Sehnsucht besonders gross. Es gab nicht viel zu überlegen. Er wusste, wie er sich helfen konnte. Also machte er sich auf zu den Lagerhäusern, nahm die riesige Leiter von den Haken, schulterte sie und fuhr auf dem Velo durch das Quartier ennet den Geleisen. Beim Haus der Geliebten angelangt schlich er in den Garten, setzte geräuschlos die Leiter an, wurde eingelassen und verbrachte die Nacht in trauter Zweisamkeit. Noch vor Anbruch des Tages, mit ein wenig Angst vor Entdeckung, verabschiedete er sich, gelangte in umgekehrter Weise wieder nach Hause. Dort hatte er sein Zimmer ausserhalb der Wohnung der Eltern, musste jedoch noch auf die Toilette. Gerade wollte er nach oben steigen, als der Vater von seiner Nachtarbeit. zurück kam. „Guten Tag, auch schon auf!“, war seine Begrüssung.

Im Lift oder wo ((Lift im Lift))

Verbotene Liebe hat ihre eigenen Gesetze, das erfuhr David nicht nur einmal. Verstecken fördert nicht nur die Phantasie, sondern intensiviert auch das Erlebnis. So war er auch mal voll Drang, konnte nicht warten auf eine passende Gelegenheit, also begaben sie sich schnurstracks ins Hauptgebäude ihres Arbeitsortes. Sie nahmen den Lift, nicht in den oberen Stock, nur ein bisschen aufwärts, dann Halt. Jetzt hatten sie einen Raum ganz für sich, zwar etwas klein aber ungestört. Zum Glück.

KASSANDRA auf der Strasse

Abends besuchte er seinen Nachbarn, der ihm eine besondere Geschichte erzählte. Am Morgen habe doch im Radio ein Moderator begeistert berichtet, was ihm bei seiner frühen Fahrt zur Arbeit wiederfahren sei. Auf der Strasse habe er plötzlich einen Riesenbuchstaben gesehen, dann wieder einen und noch mehr. Es sei ein ganzer Name aufgemalt gewesen alle 50 Meter ein neuer Buchstabe.

David kannte den Hintergrund, er habe erfahren wie jemand, getrieben von der Liebe, leider einer verlorenen, nachts um drei aufgestanden sei, einen Kübel weisse Dispersion mitgeschleppt habe und einen breiten Farbroller. Damit sei er auf jene Strasse gefahren, von der er wusste: „durch diese muss Sie kommen.“

Ein grosses K wurde gemalt, weiter gerannt, ein A, gerannt, ein S und so weiter, bis in aller Eile, unentdeckt in der Finsternis, der ganze Name seiner Sehnsucht darnieder gelegt worden sei. Von der Freundin seiner Angebeteten habe er später erfahren, als Fahrerin habe sie das sofort gesehen und ihre Freundin darauf aufmerksam gemacht.
Beide wussten und verstanden.

Pierre Molet, 2010

Von |2018-05-16T01:33:43+01:00Oktober 3rd, 2010|Dichtung, Liebe und Einsamkeit|