Stadien der Einsamkeit I – V

I

Zuerst war ich befreit. Jetzt konnte ich wieder tun und lassen, was ich wollte. Ich war sehr beschäftigt und arbeitete wie in alten Tagen intensiv an einem Manuskript, pausenlos und bis spät abends.

Dann hatte ich etwas mehr Zeit, bemerkte wie die alte rationelle Ordnung mich befriedigte. Die Regale übersichtlich leer, fast immer alles abgewaschen und aufgeräumt, wenig Wäsche, etwas ”Gefrorenes für den Alten” im Tiefkühler.

Ich begann Arbeit zu suchen. Hielt Umschau nach einer neuen Existenz an einem andern Ort. Nebelfrei. Schrieb einen Ereignisbrief. Telephonierte.

Die Tage wurden leerer. Ich begann zu vermissen, begann zu vergleichen: mit mit ohne – vorher / nachher.
Jetzt beginne ich zu schreiben.

II

Die Tage schleichen dahin. Nichts ist dringend. Verpflichtungen sind selten. Die Phantasien nach neuem Leben verebben. Sobald konkrete Projekte auftauchen, verklingt die Initiative. Was fehlt denn eigentlich? Das Lebensziel? Der Sinn? Die Wärme, die Liebe? Die Auseinandersetzung? Die Pflicht? Eigentlich ist doch jetzt das Paradies erreicht: ich kann tun und lassen was ich will, habe keine offenen Wünsche, keine materiellen Sorgen. Und doch fehlt, fehlt vieles, oder etwas oder das Wesentliche.

Ich denke viel an Dich. Was fehlt mir? Wie fehlt es mir? Warum fehlt es mir? Fehlst Du mir? Du mit Deiner Liebe, die ich trotz allen Querelen immer wieder spüre. Wieso liebst Du mich eigentlich, mich mit meinen engen Vorstellungen? Warum ertrage ich die andere Ordnung nicht? Warum stören mich die Trödeleien, Aufschiebereien. Dabei isoliere ich mich doch immer mehr.

Du bist die Verbindung. Zu mir und zu den andern. Bin ich schon so stark nur durch Dich? Ist es die Abhängigkeit, die mich intolerant werden lässt? Fehlst Du mir als Du oder als die Verbindung zur Welt. Dazu ist unsere Trennung gut. Das muss ich klären für mich und für Dich. Abhängig sein will ich nicht.
Ich bin auf der Suche.

III

Telephon nach Übersee. Du fehlst mir! Es verschlägt mir die Worte. Tränen zittern, kullern stockernd hinab. Ich fasse mich und berichte über den Alltag. Kleine Beschäftigungen. Kleine Fertigungen. Keine grossen Ziele und wenig Verbindung mit andern.

„Der Grad der Verliebtheit sei lediglich das Mass der vorherigen Einsamkeit“. Dass ich einsam bin, fast keine Fähigkeiten zu Kontakten, Anteilnahme mehr entwickeln kann, ist schmerzlich. Oft und leise frage ich nach meinem Sinn. Die Sehnsucht – ist sie Liebe? Die Leere – ist sie Liebe? Die Einsamkeit – ist es sehnen nach Dir ?

Langsam entgleitet mir der Sinn.
Liebe wäre die einzige Rettung.

Um zu erfahren, ob ich Sie liebe,
verreist sie zwei Monde.
Immer wieder möchte sie des Vaters Liebe endlich spüren.

Was ein Widder schuldig ist zu tun, weist er von sich und wenn unbewusst.
Reue vor Abreise.

IV

Darüber war ich sicher:
Die Liebe würde sich zeigen mit der Zeit. Doch jetzt bin ich vorerst hässig. Mich aus der Ferne zu lieben, ist anscheinend einfacher. Aber im Alltag, da bleibt von Rücksicht wenig. Ich vermisse Deine Sorge um unser Zuhause, die Initiative zu gemeinsamer Gestaltung der Zukunft. Dass ich Liebe empfinde, spüre ich oft nur indirekt. Soviel Geduld kann nur daher stammen. Aber ich zweifle, ob das noch länger anhält.

Auch eine gewisse Einsicht in die charakterlichen Stärken und Schwächen vermisse ich. Wahrscheinlich sind deshalb unsere Konflikte nicht diskutierbar. Meine Einsamkeit zeigt mir dies deutlich. Ich vermisse die Nähe, den Kontakt, aber die vielen Stresssituationen, die vielen stummen Tage, die Tage des verwöhnten Beleidigt-seins, die kann ich gut missen. Ich habe das Gefühl, dass bis jetzt alle meine Bemühungen oder Bitten um Verständnis im großen Ganzen unerkannt oder unbeachtet versickert sind.

Wann haben wir gemeinsam unser Haus gestaltet? Wann haben wir gemeinsam unsere Ferienwohnung eingerichtet und bewohnt? Wann haben wir mit Freude unsere Körper erotisch erlebt? Wann haben wir zusammen gelacht, auch vielleicht über unsere Schwächen? Wann haben wir uns an unserem Garten gefreut? Und haben wir uns je zusammen eine Familie gewünscht?

Das ist etwa der Grundzustand unserer Beziehung (so wie ich es sehe), und der ist erst noch befrachtet mit unerfindlichen Launen. Wenn sich nichts grundsätzlich ändert, wird dies nicht ausreichen für eine tragfähige Liebe. Das nächste Treffen wird hoffentlich unsere Situation klären.

Halb acht am Abend – Telephon aus Übersee: Unerwartet, ganz fern, fremd.

Und diese Klärung, das fühl ich jetzt schon, wird belastet oder befrachtet sein, weil oft, wenn ich etwas diskutieren möchte, das als Angriff aufgenommen wird, als Schuldfrage oder Schulderörterung. Darum geht es aber nicht!

Ich hoffe sehr, Du könnest das anders hören, endlich richtig auffassen. Ohne Einsicht wird unsere Beziehung nicht besser. Ich bemerke meine fordernde oder verzweifelte Haltung. Dies ist keine Wertung, keine Schuldzuweisung – bloß eine Feststellung. Lass uns endlich aufeinander zugehen! Kann ich denn das?

V

Auseinandergehen – sich finden

Während er bleibt, wo er ist, wachsen Zweifel. Die Leere wächst, Erinnerungen verblassen, die guten mehr, die schlechten weniger. Sehnsucht glüht auf, die Zeit wird lang bis zum Wiedersehn.

Während sie weit weg geht, findet sie zurück. Die Erinnerungen werden wach, die guten stärker, die schlechten schwächer. Sehnsucht glüht auf, die Zeit wird lang bis zum Wiedersehn.

Das wird spannend. Es wird nicht mehr sein, wie es war. Veränderung tut gut. Liebe wächst.

Von |2018-04-29T18:19:57+02:00März 3rd, 2018|Dichtung, Liebe und Einsamkeit|