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Jenseits der Sonne

Mit einem Schlag war ich hellwach. Obwohl ich doch schlafen wollte nach dem langen Abend. Eingeschlafen war ich zwar noch, nach unserem Konzert, das mich nicht besonders aufgestellt hatte. Trotzdem war ich aufgedreht gewesen, hatte noch ein wenig gepafft, war bald doch müde geworden und endlich eingeschlafen.

Jetzt, plötzlich, mitten in der Nacht, es war etwa drei Uhr, hellwach. So wach, wie noch nie in meinem Leben. Ich setzte mich auf die Bettkante. Die Augen wanderten durchs Zimmer, alles war ganz klar, die Wände, der Schreibtisch, die Stühle, der Teppich, die Kistengestelle, der alte schwere Kassenschrank. Alles so klar, so wirklich, klarer als klar klar sein kann, wandiger als Wand Wand sein kann – und farbig. Das ganze Zimmer sah ich mit einem Blick, ich nahm es mit allen Sinnen gleichzeitig wahr, vor mir, hinter mir, neben mir, alles gleichzeitig und was ich nicht direkt ansah, sah ich trotzdem.

Ich wollte wieder schlafen, bald wäre ja wieder Morgen und ich dann müde. Wieder legte ich mich ins Bett und versuchte Schlaf zu finden. Aber es ging nicht. Ich mußte wieder aufstehen, stellte mich ans Fenster und schaute in den Garten. Alles war farbig, nicht grell, sondern einfach intensiv farbig. Blätter grün wie nur grün grün sein kann – grüner als grün. Ziegel rotbraun, so braun und zugleich rot. Und die Kindermalerei an der Hüttenwand mit der Sonne drauf, rot und gelb wie nur der Sonne Gelb sein kann. Wenn das die Nachbarin sähe, würde sie nicht mehr aufbegehren, die Hütte nähme ihr die Sonne.

So konnte ich nicht schlafen. Ich mußte hinaus. Hinaus, die nie dagewesene Wachheit erleben. Ich spazierte über Wege, durch Äcker und Felder. Leichte Böen bewegten die Äste der Tannen am Waldrand. Ein Schauspiel, wie das Wogen von Wellen am Atlantik – jedoch vertikal. Die Bewegung sehe ich noch heute, wenn ich nur daran denke. Ein Schauspiel auch von bewegten Farben, von Grün, Rot, Braun wellenartig über die Waldwand hinstreichend. Van Gogh muss solche Filme gesehen haben.

Abb. Vincent Van Gogh, Weizenfeld mit Raben, Auvers sur Oise, Juli 1890

Vincent Van Gogh, Weizenfeld mit Raben, Auvers sur Oise, Juli 1890

Allmählich ging die Sonne auf, eine immer weißer werdende Scheibe, aufsteigend am Horizont. Etwas bewog mich, in diese Scheibe zu schauen. Zwar erinnerte ich mich der Mahnung, wie schädlich das sei. Aber die Eingebung war stärker – die Scheibe wurde gleißend, weiss glühend wie die Wasseroberfläche eines Sees bei Vollmond und absoluter Windstille.

Mit dieser Betrachtung wandelte sich das Bild zur Vorstellung eines Himmelsgewölbes unter dem wir uns eingeschlossen, behütet und doch in großem Raum befinden. Eine silberweiße Scheibe deutete die Endlichkeit des Gewölbes an. Es erinnerte mich an mittelalterliche Darstellungen des Himmels. Wie gebannt schaute ich diese Sonne mit der ganzen mystischen Szenerie und erlebte so zum ersten Mal das Himmelsgewölbe losgelöst von allen wissenschaftlichen Vorstellungen. Das Gewölbe war endlich, groß und ohne Zweifel die absolute Wirklichkeit.

Bild mittelalterliches Himmelsgewölbe frabig

BILD: Mittelalterliches Himmelsgewölbe

Unversehens wandelte sich die Sonne: an Statt der undurchdringbaren weißglühenden Metallscheibe war plötzlich ein Loch. Es entstand nicht oder wandelte sich, sondern war schlagartig da wie selbstverständlich, vollkommen natürlich, eine andere ebenso gültige Sicht. Ein Himmelsgewölbe, an dem an einer Stelle ein Loch war.

Eine Durchsicht auf die andere Seite. Ich staunte und war mir doch der Wahrheit der Sicht bewußt. Von diesem Loch aus oder durch dieses Loch war der Durchblick in eine andere Sphäre möglich. Das Jenseits. Und von diesem Loch fielen Strahlen bis wieder zu mir auf die Erde, wie an einem sonnigen, dunstigen Tag.

 

Foto Sonnenstrahlen

Die Strahlen führten aber auch in der anderen Richtung; von der Erde weich samten neblig, immer bestimmter, härter und gerade hinführend auf den großen Durchlaß im Gewölbe. Die Strahlen flossen gleichzeitig in der einen wie in der andern Richtung. Ich war erstaunt, denn der Verstand belehrte mich, das sei doch nicht möglich.

Die Gesamtheit der Sinne zeigte jedoch unwiderlegbar diese Wirklichkeit. Und noch mehr. Auch bei allen späteren Bildern, die Verhältnisse zeigten, die sich in meinem Kopf bisher ausschlossen, waren diese Phänomene neue Gewißheit: Strahlen gehen in beide Richtungen; ein Loch kann Nichts ebenso wie eine undurchsichtige Scheibe sein und – im Jenseits ist Alles und Nichts zugleich. Oder, was ich sehe, sehe ich vor mir mit den Augen, mit allen Sinnen „sehe“ ich sehr wohl auch, was hinter mir ist.

Den Strahlen folgend, befand ich mich plötzlich oben im Scheideloch und sah mich stehen auf dem Feldweg. Ich sah mich ganz deutlich in der ganzen Körperlichkeit auf dem steinigen Weg stehen und war gleichzeitig oben im Loch. Da verspürte ich Angst. Das ist doch nicht möglich; ich kann doch nicht oben sein, meinen Körper verlassen haben und gleichzeitig unten stehen.

Die Angst wurde mir genommen. Ich konnte wieder ganz unten sein, die gleißende Durchsicht anschauen, mich überzeugen, dass ich unten war – und wieder von oben schauen, mich unten auf dem Weg zwischen Post und Waldrand stehen sehen. Ungläubig wiederholte ich den Wechsel unzählige Male, bis ich die Gewißheit hatte, dass ich jederzeit die Wahl hatte dort oder hier zu sein. Eine neue Gewißheit! Aber auch: eine Wahl! Wie ich mich entscheiden würde, ob ich mich entscheiden würde, ob ich mich entscheiden müßte, wußte ich nicht. Zuerst einmal hatte ich die Gewißheit der beiden Möglichkeiten.

Dann schaute ich ins Jenseits: eine eigentlich nicht erzählbare Wirklichkeit. Denn dort jenseits des Gewölbes ist Nichts und doch Alles. Der Raum ist unendlich und doch ist er erfüllt. Erfüllt von einem unendlich vernetzten Nichts. Jeder Bereich dieses Nichts ist ein „Wesen“, die Wesen sind alle miteinander verbunden, greifen ineinander über und sind doch wieder Bereiche, die sich voneinander trennen könnten.

Da ist unversehens klar, dass die Art der Verständigung der Wesen im Diesseits ein krückenhaftes Gestammel ist im Vergleich zu jener der Wesen im Jenseits. Wozu wäre es nötig miteinander zu reden, wenn doch alle mit allen verbunden sind. Wie könnte ich etwas sagen, das in seiner Beschränktheit der Wörter nur die halbe Wahrheit ist, wenn das andere Wesen doch sowieso die ganze Wahrheit kennt. Es erinnert an Momente im Diesseits, wo du des andern Gerede genau aufnimmst und gleichzeitig alles andere seines Wesens – die ganze Wahrheit, gar die Selbsttäuschung darin erkennst, machtlos dies zu erklären. Die Individualwesen sind gleichzeitig ein einziges allesumfassendes.

Jedes dieser Wesen des Wesens kann sich sammeln und das Jenseits verlassen, warum weiss es nicht aber es kann. Es weiss nicht, warum es das tut, es weiss nur, dass es das tut wie andere vor und andere nach ihm. Vor oder nachher? Wieder etwas das im Jenseits gar nicht existiert. Alles ist gleichzeitig und trotzdem eine Abfolge von Ereignissen, die jedoch in beiden Richtungen ablaufen können.

Das Einzelwesen weiss, dass seine körperliche Erscheinung nicht besser, schöner oder erstrebenswerter ist als seine geistige, aber der Wunsch das Jenseits zu verlassen ist da und die Erfüllung immer möglich. Es ist in dem Sinn keine Wahl oder gar Qual der Wahl, sondern eine Möglichkeit die besteht und mit plötzlicher Gewißheit gewählt wird. Die körperliche Erscheinung eines Wesens kann auf unserer Erde geschehen, oder ebenso gut in andere Welten hinein.

Ich stand auf der Erde und ging weiter. Der Wind rauschte in den Waldrand hinein, die Matten waren grüner als grün. Der Mergel gelbbeiger als je, der Himmel blauweisser als klar und die Sonne strahlender………

Ich spazierte weiter, nach Hause, bewunderte noch länger die neue Wirklichkeit und ging letztlich wieder schlafen.

Das Erwachen war anders. Nicht mehr jene Wachheit und doch die Gewißheit, dass das Erlebnis kein Traum, keine Phantasie oder Halluzination war, sondern die Wirklichkeit, keine andere sondern Die. Und doch begann ich zu zweifeln. Lange Zeit erzählte ich nichts und niemandem. Erst Jahre später wurde ich aufmerksam auf die Bücher von Kübler-Ross und verschlang sie gierig.

Sie berichten von Leuten die Sterbeerfahrungen gemacht hatten, letztlich aber nicht von dieser Welt gingen. Jetzt erst war ich wieder überzeugt: denn was ich erlebt hatte, war nun nicht mehr ein Einzelerlebnis, das so oder anders hätte sein können, sondern es entsprach genau diesen Erfahrungen. Immer wieder wurde übereinstimmend berichtet, wie der Körper verlassen wird, wie er von aussen beobachtet und wieder in ihn eingekehrt werden kann. Diese Überzeugung kann mir niemand mehr nehmen.

Von |2018-05-28T14:06:42+01:00März 3rd, 1996|Dichtung, Jenseits|