Jenseits der Berge

Alles war ein bisschen grau an jenem Morgen, obwohl viel Schnee die Landschaft überzuckerte. Es hatte schon einige Leute, die anstanden bei der Talstation der Seilbahn, viele Skifahrer und einige Wanderer.

Auch Barbara und Arnold waren trotz Ferien früh aufgestanden und mit der Seilbahn unterwegs ins Skigebiet. Nach der Ankunft in der Mittelstation, wollten sie mit einer kleinen Hangschrägfahrt hinüber zum ersten Skilift. Es war neblig und zwar auf jene Art, die nur Schneesportler kennen.

Nicht allein die Sicht ist schlecht, sondern wenn angehalten wird, kann es sein, dass danach plötzlich ein Ruck zu verspüren ist, der einen erstaunt fühlen lässt, dass man immernoch oder wieder im Gleiten ist, ohne es bemerkt zu haben. Oder man vermeinte zu fahren wegen der vorbeiziehenden Nebelschwaden, will mit einem Schwung anhalten und fühlt unverhofft, dass man bereits steht. Trotzdem erreichten die beiden den Skilift, es hatte wenig Leute, und sie liessen sich hochziehen.

Immer heftiger begann es zu blasen, je höher um so stärker, und als sie oben ankamen herrschte ein regelrechter Sturm. Sie kannten das Gebiet und wollten noch die kurze Strecke zur Bergstation der Seilbahn zurücklegen um dort Schutz zu suchen im Restaurant.

Der Wind blies jetzt derart stark, dass sie sich bei der Vorbereitung zum Marsch an den eingesteckten Skistöcken verankern mussten um nicht fortgeblasen zu werden. Auch der Nebel war unterdessen so dicht, dass sie sich nur an den Pistenstangen orientieren konnten. Immerwieder rückwärts schauend zur letzten Stange, schoben sie sich vorwärts, bis Sie endlich die nächste Stange aus dem Grau auftauchen sahen. Barbara ging voraus und Arnold folgte.

Ihm war es allmählich schwindlig geworden. Immer mehr. Er sah nur noch Skischuhe vor sich her stapfen und fühlte sich letztlich so elend, so allein, dass ihm der Wunsch, einfach in den Schnee zu liegen, aufzugeben, als die einzige Lösung erschien. Die Erlösung. Er empfand nicht Todesangst, nicht Mühsal oder Überdruss, sondern erwartete von der Erlösung einfach Befreiung von dem elenden Zustand. Unendlicher Friede. Doch irgendwie folgte er diesen Schuhen, er legte sich nicht hin, in einer Art Trance folgte er den Schuhen durch den Nebel. Es dauerte eine Ewigkeit, doch plötzlich standen die Schuhe still.

Ein knorriger, urchiger Alpöhi stand da wie aus einer andern Welt und sagte: S’esch guet das er chömed. Das haute ihn um. Einerseits bewegte es ihn unheimlich, derart willkommen geheissen zu werden, andrerseits fühlte er sich wie ein Häufchen Elend, ein Nichts. Mit letzter Kraft, oder wieder aufkeimender, entledigte er sich der Skier, wurde ins Haus geschleppt, das er jetzt überhaupt erst wahrnahm und legte sich auf eine Bank. Er schlotterte, keuchte, fühlte sich allmählich geborgen und wartete auf die Bouillon, die bestellt worden war. Zittrig löffelte er die Suppe und erholte sich ganz langsam.

Der Orkan war derart stark gewesen, dass die Seilbahn abgestellt worden war. Nach Stunden fuhren sie wieder ins Tal.

Von |2018-05-16T00:52:37+02:00Dezember 12th, 2000|Dichtung, Jenseits|