Fisch: tot oder lebendig

Noch immer beschäftigte ihn der Gedanke, ob er ein Tier töten könnte. Er müsse sich doch Gewissheit verschaffen, sonst sei er nicht berechtigt Fleisch zu essen. Letztes Mal war es mit seinen Kaninchen gelungen – misslungen.

Jetzt sass er an einem Fluss in Südfrankreich, sah vor sich hunderte von Fischen, die sich im seichten Wasser tummelten und war sich spontan bewusst, er wolle es wissen. So beschloss er, sich Gewissheit zu verschaffen.

Intensiv bereitete er sich darauf vor, wie er das angehen wolle – auch in Gedanken. Er beschloss, sich mit einem Stock, den er sich wie letztes Mal zugeschnitten hatte, in einer Untiefe ins Wasser zu kauern und zu warten, bis ein Fisch an ihm vorbeiziehe und er den Weg genau voraussehen könne. Mit einem präzisen Schlag ins Genick sei der Fisch sicher zu töten.

Er konzentrierte sich, sah den Fisch und seine Bahn genau voraus und schlug mit der absoluten Gewissheit des Moments zu. Schlag, tot, Zeit steht still. Der Fisch liegt regungslos im Wasser. Wie damals, einhalten, aufatmen, erholen, wegtragen.

Tatsächlich, es ist gelungen, auf einen Schlag. Er könnte ja seinen Freunden nicht nur den einen Fisch, sondern ein ganzes Nachtessen mitbringen. Wieder fühlte er sich gross, aber — nicht lange danach – zeigte sich: Zu gross.

Er beschloss, sich wieder ins Wasser zu kauern und zu warten. Wieder das gleiche Vorgehen wie letztes Mal, nicht so intensiv, da er ja jetzt wusste, wie das geht. Der Fisch kam, sein Weg wurde abgeschätzt, Schlag, Gewissheit des Treffens durch den Widerstand, nur zu wenig präzise. Der Fisch schwamm langsam davon. Nur nicht aufgeben, beim Nächsten wird es gelingen. Er beobachtete wieder die Fischschwärme und kauerte sich dorthin, wo sie am dichtesten vorkamen und wartete. Wartete, wartete.

Kein Fisch kam mehr in seine Nähe. Platzwechsel, es wird schon gelingen. Leider nein. Platzwechsel, es muss doch gelingen. Nein Platzwechsel. Nein. Die Gewissheit wuchs, der angeschlagene Fisch hatte es allen andern gemeldet. Leider wieder: Totenstille in seinem Herzen – er war zu überheblich geworden, hatte sich zu wenig intensiv vorbereitet auf den Tod und musste sich schämen.

La Côte, 8. Oktober 2009
Pierre Mollet

Von |2018-05-16T01:43:38+02:00Oktober 8th, 2008|Dichtung, Existenzielles Erleben|