Der Punker und der Pauker

Der Pauker

Sein Name sei Frisch. Er unterrichtete am Gymnasium Mathematik, war Hauptlehrer und Klassenlehrer der 2 a. Manchmal setzten ihm die Schüler zu. Er wusste zwar, dass sie in diesem Alter am schwierigsten waren, aber er hatte das Gefühl, es werde immer extremer. Und gerade deshalb musste man Schranken setzen, harte Schranken, besonders jetzt in der 2 a. Da hatte es zwei, drei Störenfriede von denen er sich provoziert fühlte. Er wollte keine Unsicherheit aufkommen lassen.

Bei Ski- und Klassenlagern verspürte er es als grosse Belastung, weil da nicht einzelne Stunden auszuhalten waren, sondern Schülerinnen und Schüler rund um die Uhr unter Kontrolle gehalten werden mussten. Da gab es doch tatsächlich Kollegen, die mit den Buben und Mädchen nicht nur am Abend Spiele machten, nein auch am Tag waren sie mit ihrer Skigruppe fröhlich und mit lauten Sprüchen unterwegs. Natürlich genossen diese Gruppen die gewagten Neuschnee-Abfahrten und wollten fast nicht aufhören, aber diese Kollegen merkten nicht, dass ihnen die Autorität abhanden kommen könnte oder andere das ausbaden müssten, zum Beispiel der Klassenlehrer.

Gerade neulich erschien doch tatsächlich Pascal, ein Knabe, der bis jetzt still, fleissig und unauffällig gewesen war, mit einer Punkerfrisur in der Schule. Aber er, Frisch, wusste sich da zu helfen. Er ordnete an, diese Frisur werde gestutzt. Als der renitente Bub dem nicht Folge leistet, drohte er ihm an, er werde in eine andere Klasse versetzt. Das hatte Folgen. Zwar nicht die beabsichtigten, aber immerhin. Der Unruhestifter kam oft nicht mehr zur Schule, weil er krank war, oder er musste wieder nach Hause, weil es ihm schlecht wurde nach ein paar Stunden.

Jetzt riefen gar die Eltern an, wieso er diesen Buben so unter Druck setze. Er erklärt ihnen die Situation. Er dulde in seiner Klasse keine solche Frisur, insbesondere weil deswegen andere Eltern reklamiert hätten. Den Vater belehrte er, sein Sohn sei gar nicht so sicher, wie er sich gäbe. Und als der Vater meinte, das sei doch klar, sonst hätte Pascal ja keine Punkfrisur, verstand er dieses Argument nicht. Jedenfalls setzte er bei seinen Kollegen die Androhung einer Klassenversetzung durch.

 

Der Punker

Der Knabe fühlte sich von da an nur noch elend. Er konnte sich nicht vorstellen, ohne seine jetzigen Freunde die letzten zwei Schuljahre zu bestehen. Da er mit den Leistungen nie Probleme hatte, fiel es nicht besonders auf, dass er jetzt doch schlechtere Noten kassierte, zu einem „provisorisch“ reichte es nicht. Aber die Angst vor dem Ausschluss aus seiner Klasse war so gross, dass er, kaum war er in der Schule, kotzen musste. Es wurde noch schlimmer; er konnte kaum mehr essen. Letztlich musste er die Schule vorzeitig verlassen.

Der Punker und der Pauker

Käthi Horlacher, „Der Punker“, 1984

Der Pauker Frisch wollte von psychischem Stress nichts wissen, sondern hielt solches Verhalten für eine faule Ausrede. Jedenfalls hatte Frisch wieder Ruhe in der Klasse. Für ihn rechtfertigte dies, dass der Schüler die obligatorische Schulzeit nicht beenden konnte.

Der Punker liess schlussendlich seine Haare stutzen. Er erzählte später, es sei nicht auszuhalten, sich derart von andern zu unterscheiden. Mit seinen Zeugnissen fand er ohne Mühe eine Lehrstelle, war er doch auch sonst aufgeweckt und witzig. Aber wohl zu sensibel. Denn auch in der Lehre holte ihn die Vergangenheit bald ein. Mit der Berufslehre war natürlich ein Tag Schule verbunden. Der erste Schultag kam. Der Lehrling ging mit gemischten Gefühlen. Schon am ersten Tag mussten ihn die Lehrer nach Hause schicken, er war kreidebleich geworden und fühlte sich so elend, dass sie einen Zusammenbruch befürchteten. Am andern Tag versuchte er es nochmals, ohne Erfolg.

Sein Lehrmeister war glücklicherweise verständig und ermunterte ihn, die Lehre trotzdem zu machen. Vielleicht könne er die Schule später nachholen. Er konnte fünf Jahre lang kein Schulhaus betreten. Erst als junger Mann wagte er den Schritt in die Gewerbeschule nochmals. Der Anfang war schwer, nicht wegen den Anforderungen, sondern allein seelisch. Er absolvierte das dreijährige Pensum in zwei Jahren und machte den besten Abschluss. Was blieb, war Hass und ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem früheren Klassenlehrer.

Der Pauker unterrichtete noch lange, aber weniger; denn er wurde Rektor des Gymnasiums.

14. 12. 2000
Soft Stone

Von |2018-05-17T03:25:21+01:00Dezember 14th, 2000|Gesellschaft, Schule|