Blechschaden – Dachschaden

Der Verkehr war wie immer am Central recht hektisch. Die Autokolonne dem Quai entlang hatte „Rot“ und von der Sonneggstrasse her rollten noch Fahrzeuge, zuletzt ein Töfflifahrer mit hohem Tempo.

Doch die Kolonne aus dem Limmatquai fuhr schon an, zuvorderst ein weisser Mercedes. Für das Mofa reichte es nicht mehr. Es knallte mit großer Wucht in die Seite des Mercedes. Der Fahrer lag am Boden, kreidebleich, benommen und das Mofa mit gestauchter Gabel daneben. Der Mercedes fuhr weiter und entschwand über den Platz Richtung See.

Ein Passant half dem Jungen auf die Beine, erkundigte sich nach seinem Befinden, stützte ihn und half das Mofa beiseite zu schaffen. Der Verkehr rollte wieder. Als sich der Passant überzeugt hatte, dass der Junge sich zurechtfand, das Mofa zwar schieben, aber nicht fahren konnte, liess er ihn ziehen.

Ganz langsam entfernte sich der verdatterte Junge über die Centralbrücke, dem Bahnhof zu. Dem Jungen nachschauend, war der Passant noch am Platz, als plötzlich eine aufgeregte Dame vom See her über die Strasse eilte, ein Visitenkärtchen schwenkte und ausrief: „Wo ist er? – Ich habe eine Beule an der Seite. Hat ihn jemand gesehen?“

Der Passant meldete sich, erklärte, der Töfflifahrer sei zu Fuss weiter und (obwohl er am Ende der Brücke gerade noch zu sehen war) entschwunden. Die Dame blieb aufgeregt, sah sich um, entdeckte einen Polizisten auf der Verkehrsinsel und steuerte auf ihn zu. Dort begann sie auf den Polizisten einzureden, und weil der Passant ahnte, was da vor sich ging, näherte er sich den beiden Personen.

Er hörte die Klage, ein Mofafahrer sei in die Seite ihres Fahrzeugs gefahren und hätte an dessen Tür eine Beule verursacht – sie wolle Anklage erheben. Da wurde der Passant so wütend, dass er hinzu trat und eindringlich einwendete: „Hören sie, wer auch immer Schuld ist – ob der Fahrer bei Rotlicht noch über den Platz wollte, oder sie zu früh losfuhren – wie das rechtlich auch aussieht.

Tatsache ist: Der Junge lag nach dem Unfall am Boden, bleich, benommen und ohne sich im ersten Moment zu regen. Sie im weissen Mercedes fuhren davon. Eine lange Weile, bis der Junge sich gefasst hatte, fähig war sein Rad zu schieben und endlich davon trottete, war von ihnen nichts zu sehen oder zu hören. Erst, als sie den Schaden bemerkten, kamen sie zurück.“ Jetzt wandte sich der Polizist an die Dame: „Da machen sie sich ja strafbar“. Die Dame zögerte kurz, steckte ihr Visitenkärtchen ein und entfernte sich eilig.

Der Passant entfernte sich, um seine Arbeit wieder aufzunehmen – in Gedanken versunken. Da kümmert sich die feine Dame also nicht um den Verunglückten, in Sorge um ihr Auto, hält sie an, sieht die Beule, geht zurück an die Unfallstelle und will ihren eigenen Schaden in Ordnung bringen. Auch angesichts ihres Fehlverhaltens, das gar Strafe nach sich ziehen könnte, ist sie nur um sich selbst besorgt und zieht eilends von dannen. Ob der Mofafahrer zu Schaden kam, interessiert sie nicht.

La Côte, 8. Oktober 2009
Pierre Mollet

Von |2018-05-16T01:45:04+01:00Oktober 8th, 2009|Dichtung, Zivilcourage, Gewissen und Spontanität|